1848 GEBURTSSTUNDE DER MODERNEN SCHWEIZ: Feier und Fest

Artikel von René Jost für die Zeitung “L’Hebdo”.

An diesem Tag wurde die erste Bundesverfassung in Kraft gesetzt und damit entstand unser heutiger demokratischer Bundesstaat mit seinen 22 Kantonen in vier Sprachregionen. Sie ist die Grundlage für die gelungene Entwicklung unseres Staats im Verlaufe der seit dem 12. September 1848 vergangenen 167 Jahren.

Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war überall in Europa eine sehr unruhige Zeit. Das gilt auch für die Schweiz wo sich die sieben katholischen Kantone Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Luzern, Zug, Freiburg und Wallis mit allen Mitteln erbittert gegen den von den Freisinnigen angestrebten Bundesstaat wehrten, welche sich schliesslich im kurzen Sonderbundskrieg von 1847 durchsetzen.

Der Verrat des Sonderbundes im Allgemeinen und den Waldstätten im Besonderen

Nach dem Untergang der alten Eidgenossenschaft diktierte Napoleon I. zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Geschicke des Landes in dem er 1803 den Aargau, St. Gallen, Thurgau, Graubünden, Waadt und Tessin als vollwertige Kantone durchsetzte. Diese Konstellation wurde durch den Wiener Kongress von 1815 bestätigt, ohne dass die nach Wien entsandten eidgenössischen Emissäre gross um ihre Meinung gefragt worden wären. Dieser Kongress ergänzte das Land um die Kantone Genf, Neuenburg und Wallis. So entstand die Schweiz der 22 Kantone wie wir sie heute noch existiert. Der 1979 erfolgte Beitritt des 23. Kantons Jura hatte keinen Einfluss auf das existierende Territorium unseres Landes.

Die Perspektive der Entstehung einer Demokratie inmitten der damals dominierenden Monarchien irritierte insbesondere die beiden mächtigsten unter ihnen Frankreich und Österreich zutiefst wie die geharnischte Erklärung von Minister Guizot belegt, welche er 1847 in der Abgeordnetenkammer in Paris abgab: „Im Namen welcher Ideen will man heute die schweizerische Verfassung ändern? Im Namen der freisinnigen Ideen, den leidenschaftlichsten, ausschliesslichen freisinnigen Ideen. Überall, wo diese eine Gesellschaft dominierten, verursachten sie ihren Ruin und ihre Schande. Man stellt sie heute wie eine Entdeckung unserer Zeit dar, als einen grossen Fortschritt für ganz Europa. Es sind alte und schändliche Ideen… Wir tun sowohl im Interesse der Schweiz, als auch im unsrigen gut daran, die Ideen zurückzuweisen, deren Rückweisung zu empfehlen und zu fordern, und sich davor zu schützen.“

Die Ablehnung Österreichs gegen die Entstehung einer Demokratie inmitten der Monarchien war ebenso heftig. Metternich hatte den Verantwortlichen des Sonderbundes militärischen Beistand zugesichert, um die Schaffung unseres demokratischen Staates zu verhindern.

Die meisten europäischen Monarchien unterstützten diese Meinung, was hierzulande die separatistische Allianz stärkte. Das bewog den Luzerner Siegwart-Müller, den Gründer und politischen Animator des Sonderbundes, folgendes in sein Tagebuch zu schreiben: „Die zwölf Kantone und zwei Habkantone glauben die katholische Schweiz abschiessen zu können, ohne dass dies in Frankreich und Österreich bemerkt wird“.

Unter dem Einfluss von Siegwart-Müller, beging der Kriegsrat des Sonderbundes einen abscheulichen Verrat als er beschloss, am 3. November auf dem Gotthardpass die Feindseligkeiten zu eröffnen und im Tessin einzumarschieren. Damit sollten die Freisinnigen im Tessin entmachtet und die Nachschublinien für Verpflegung und Kriegsgerät aus dem österreichischen Oberitalien geöffnet werden. Der Vorstoss des Sonderbundes ins Tessin brachte zwar Anfangserfolge, blieb aber bei Biasca stecken.

Sowohl in Österreich als auch in Frankreich brachen Revolutionen aus. Das hatte zur Folge, dass die beiden damaligen Grossmächte sich nicht erlauben konnten, unser Land anzugreifen. Ausserdem waren beide zur Wahrung ihrer eigenen Sicherheit am Erhalt der Schweiz als Pufferstaat interessiert.

Wäre es den Sonderbundeskantone im Allgemeinen und den Waldstätten im Besonderen gelungen, die Schaffung unseres modernen Bundesstaates aufgrund einer militärischen Intervention ausländischer Armeen auf Schweizerboden zu verhindern, würde die Schweiz mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht mehr bestehen. Die Unabhängigkeit des Landes war übrigens nicht das Ziel des Sonderbundes, er wollte vielmehr die von Frankreich und Österreich verteidigten ideologischen Werte des katholischen Europas durchsetzen.

Übrigens, die Urkantone Uri, Schwyz, Ob-und Nidwalden haben die Bundesverfassung noch nie akzeptiert, weder die erste von 1848, noch deren Revisionen von 1872, 1874 und nicht einmal diejenige von 1999.

Der Bundesstaat von 1848 gab der Schweiz die Unabhängigkeit zurück

Ab 1815 bereiteten die liberalen Kräfte die Schaffung eines Bundesstaates zunächst in den Kantonen vor. Bis 1831 wurden in den Kantonen Zürich, Bern, Luzern, Freiburg, Solothurn, St. Gallen, Aargau, Thurgau und ein wenig später auch Basel-Landschaft und Glarus liberale Verfassungen geschaffen.

Trotz der heftigen Opposition des Sonderbundes im Inland und des von den europäischen Monarchien im Allgemeinen und der Grossmächte Frankreich und Österreich im Besonderen ausgeübten enormen Druckes verbunden mit massiven Drohungen, liessen sich die liberalen Kräfte nicht einschüchtern und bereiteten die Volksabstimmung vor, welch im ersten Halbjahr 1848 stattfand. In 14 Kantonen und zwei Halbkantonen wurde die Bundesverfassung von 72,8% oder 145‘584 ja gegen 54‘329 nein angenommen. Das Ständemehr war mit annehmenden 15,5 annehmenden Kantonen gegenüber 6,5 ablehnenden Kantonen ebenso eindrücklich. Dass die Bedingungen, unter denen diese erste Volksabstimmung auf Bundesebene stattfand, noch nicht dem heutigen Standard entsprachen, ändert nichts daran, dass die erste Bundesverfassung mit einer komfortablen Mehrheit von Volk und Ständen angenommen wurde.

Am 12. September 1848 wurde die Tagsatzung aufgelöst und die erste Bundesverfassung in Kraft gesetzt. Damit wurde die Schweizerische Eidgenossenschaft geschaffen wie wir sie heute kennen.

Selbst wenn sich die Einmischung Napoleons I. die inneren Angelegenheiten der Eidgenossen, insbesondere die 1803 durch ihn dekretierte Schaffung von sechs neuen Kantonen, letztlich positiv auf die Entwicklung unseres Landes auswirkte, ändert das nichts an der Tatsache, dass es ein ausländischer ein Herrscher war, der ihm diktierte was nach dem Untergang der alten Eidgenossenschaft zu tun war. Daraufhin war es der Wiener Kongress von 1815, welcher den unter sich heillos zerstrittenen schweizerischen Kantonen weitgehend die zu respektierenden Bedingungen diktierte.

Frankreich und Österreich fuhren fort, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen, insbesondere indem sie die Schaffung unseres demokratischen Bundesstaates mit allen Mitteln zu verhindern versuchten. Der durch die grosse Mehrheit der schweizerischen Bürger gefällte mutige Entscheid, sich über die Forderungen aus Paris und Wien hinwegzusetzen, gab der am 12. September 1848 gegründeten neuen Schweizerischen Eidgenossenschaft die Unabhängigkeit und Würde zurück.